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Samstag, 11. März 2006, 20.00 Uhr

Vitold Rek & East West Wind / second edition

Premiere mit drei genialen Musikern

Vitold Rek gastierte mit seinem Trio East West Wind

SYKE. Man nehme: drei geniale Musiker, komponiere ihnen Lieder, die vollkommen auf sie zugeschnitten sind, in denen sie ihre Stärken in vollem Licht zeigen können und lasse die Musiker einige Tage üben. Das Ergebnis ist eine spannende Mischung dessen, was die Musiker mitbringen: ein die Nationen umspannender Folk, der Raum und Zeit vereint. Vitold Rek hat sich diese Vision mit seiner Gruppe East West Wind / second edition verwirklicht. Am Freitag Abend in der Kreissparkasse Syke hatte die neue Band ihre Weltpremiere - ein beeindruckendes Zeugnis, was Profimusiker in kürzester Zeit zustande bringen. Denn vor dem JFK-Konzert hatten Vitold Rek, Jaroslaw Bester und Ramesh Shotham lediglich zwei Tage lang geprobt.

Dass es Musiker, die sich nicht auf den eingetretenen Pfaden des Mainstream bewegen, bei aller Genialität schwer haben, ihr Publikum zu finden, zeigte sich bei dem Konzert ebenfalls: In den Stuhlreihen gab es noch viele freie Plätze. Dem ersten Stück war es noch anzumerken, dass hier keine eingespielte Band auftrat. Konzentriert hielten sich die Musiker an die Noten, spielten noch recht steif den schottischen Walzer "Scottish Scott" und zeigten sich noch sehr wenig frei. Fernab von der gewohnten HörweiseDas änderte sich allerdings gleich mit dem nächsten Stück. Das Wiegenlied "Tell me boy" spielte East West Wind sehr sehnsüchtig und mit einer Intensität, die an Einschlafen nicht denken ließ. Diese Intensität, das virtuose Spiel jedes einzelnen Musikers, die Art, das Instrument fernab von der gewohnten Hörweise zu spielen, war das Pfund der Gruppe. Und mit ihm wusste sie zu wuchern.

Ungewöhnlich war bereits der Auftritt. Wie von Ferne klang die Musik zunächst leise in den Saal der Kreissparkasse, wurde immer lauter, bis die Musiker mit ihren Instrumenten, Vitold Rek mit einer Mandoline, in den Raum eintraten, spielend einmal durch den Saal gingen und erst dann die Bühne betraten. Außergewöhnlich auch die Musiker selbst. Den Kontrabass als das stimmführende Instrument zu hören, ist nicht gerade geläufig. Aber auch Vitold Reks Spielweise war außergewöhnlich. Der Mann aus Rzeszów (Polen) entlockte dem Instrument ungewöhnliche Töne, indem er mit den Händen die Saiten entlang strich, es bis zum letzten quälte mit Tönen in den höchsten Ebenen, mit schrägen, schiefen Tönen - und den Bass gleich darauf klassisch in äußerster Intensität spielte.

Ebenso Jaroslaw Bester. Der Akkordeonspieler, der in der Klezmermusik zu Hause ist, brachte von ihr die Sehnsucht, die Leidenschaft und die absolute Hingabe mit. Der Gründer der Cracow Klezmer Band spielte das Akkordeon fern von jeglichem Klischee. Er spielte keine typisch jiddische Musik, er spielt nicht das typische Akkordeon der Folkmusik - er macht aus dem Akkordeon sein ureigenstes Instrument. Spielte es in sehr ruhiger Art, aber mit einem Volumen, das beeindruckte, dann wieder streichelte er das Ohr mit zarten Tönen - ein facettenreiches Spiel mit der Leidenschaft, ein ewiges Vorspiel, das den Zuhörer in die absolute Spannung versetzte. Nur manchmal hätte man sich einen orgiastischeren Höhepunkt gewünscht.

Mehr als basisgebende Begleitung, absolut und außergewöhnlich auch Ramesh Shotham als Schlagzeuger. Der Percussionist, der ursprünglich in der Rockmusik zu Hause war und am Karnataka College seine Fähigkeiten vervollkommnete, war nicht basisgebende Begleitung, sondern setzte durchaus selbstbewusst eigene Akzente. Mit der Zarbang, einem der persischen Musik entlehnten, kürbisartigen Schlaginstrument, das erst in einigen Wochen auf den Markt kommen wird, brachte er seinen Stil nicht nur im Zusammenspiel ein, sondern begeisterte auch in einem Solo. In ihrem ersten Konzert überwogen ruhige, intensive Stücke aus Ost und West. Alte Volksstücke, die Vitold Rek als Basis für eigene, höchst spannende Kompositionen dienten, Melodien aus Griechenland, dem mauretanischen Spanien und natürlich Polen, die er problemlos in die heutige Zeit versetzte und sie genial den Fähigkeiten seiner Musiker unterordnete. Dass die Gruppe das ausgelassene, überschwängliche Spiel ebenso beherrscht und auch damit das Publikum begeistern kann, bewies sie in ihren letzten Liedern: Nach der Zugabe "Mister La" wollte der Beifall nicht enden.

Birgit Müller / Weser Kurier

Wehmut und Ungestüm Vitold Reks "East West Wind"

VON STEFAN MICHALZIK, Frankfurter Rundschau 20.03.2006

Von Norwegen bis nach Andalusien und Griechenland, von Schottland bis Polen: In seinem Ensemble East West Wind beschäftigt sich der Bassist Vitold Rek seit beinahe zehn Jahren mit musikalischen Spuren, die er in ganz Europa gefunden hat. Mit seinen Kompositionen und Arrangements versetzt er die Funde in einen neuen Zusammenhang: die freie Improvisation. Meist bleiben dabei die Originalmelodien Kern der Stücke, wenngleich sich das musikalische Umfeld radikal verändert hat. Dieser Zugang mag sich zu einem Gutteil aus der polnischen Herkunft des seit Anfang der neunziger Jahre im Rhein-Main-Gebiet heimischen Musikers erklären. Im polnischen Jazz hat die Beschäftigung mit der eigenen volksmusikalischen Tradition seit jeher einen viel größeren Stellenwert als in Westeuropa, wo der Bezug zur Kunstmusik wichtiger gewesen ist. Im Theaterhaus Frankfurt stellte Vitold Rek nun in einer Beinahe-Premiere die neue Besetzung von East West Wind vor. Diese Second edition, wie Rek sie nennt, spannt den Bogen noch weiter gen Osten, bis ins Asiatische. Zwischen Trommeln, Klangvasen und Becken entwickelt der indische Perkussionist Ramesh Shothan Klangwelten von bezwingender metrischer Vielfalt. Virtuose Fertigkeiten sind ihm nicht mehr als die funktionale Voraussetzung seines Spiels. Der von der Cracow Klezmer Band her bekannte Akkordeonist Jeroslaw Bester nähert sich der jüdischen Musikkultur Osteuropas ohne falschen Respekt. In seinem Ungestüm ist freilich die Wehmut inbegriffen. In seiner Solonummer wartete Bester mit einem Spektrum faszinierender harmonischer Kühnheiten, Dissonanzen, Cluster und aberwitzig schneller Läufe auf. Grandios. Dass Vitold Rek zu den Bassisten zählt, die ihr Instrument nicht in der Rolle des Lieferanten rhythmischer Fundamente sehen, muss kaum mehr betont werden. Sein Spiel umfasst die lyrische Expression ebenso wie das beherzt zupackende volksmusikalische Idiom in spürbar lustvoller Anverwandlung. Im Trio dieser Individualisten, das gerade die Aufnahmen zu einer CD eingespielt hat, kommt ihm eine verbindende Rolle zu. Nivelliert wird zwischen den östlich-westlichen Strömungen freilich nicht. Und der unangenehme Beigeschmack eines wohlgefälligen Worldjazz-Crossovers bleibt damit aus. Copyright © Frankfurter Rundschau online 2006 Erscheinungsdatum 20.03.2006

www.taso-music.com
Rek auf HR Online
All About Jazz

Cracow Klezmer Band
http://www.polishculture-nyc.org/music.htm
Wikipedia über Cracow Klezmer Band

www.shotham.org
Creative-Music-of-East-Europe.com über Ramesh Shotham