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Samstag, 1. April 2006, 20.00 Uhr
HISS - Polka für die Welt
"Hiss" brachte mit Polka die Diele zum Beben
JFK-Konzert traf mit Konzert im Kreismuseum genau den Geschmack einer Fan-Gemeinde
Das Fanpublikum reiste ihnen hinterher, und so war die Stimmung am Sonnabend Abend im Kreismuseum Syke von Anfang an überschäumend: Mit "Polka für die Welt" begeisterte "Hiss" sein sich in die Museumsdiele drängendes Publikum. Wer aber ein Konzert mit klassischer Polka erwartete, war Fehl am Platz. Trotz des alten Rhythmus' spielte die Band überhaupt keine altbackene Musik, sondern präsentierte eine Polka, die außer dem lebhaften, fröhlichen Feeling so gar nichts mit der Polka von einst gemeinsam hatte. Dem Publikum im überfüllten Kreismuseum gefiel es - der Beifall war lang und ausdauernd. Besonders die Fans, die der Band hinterher reisten, um ausgelassen zu feiern, waren enttäuscht über die quasi nicht vorhandene Tanzfläche. Denn die Freifläche hinter der Bestuhlung war gefüllt mit Zuhörern, die keinen Sitzplatz gefunden hatten oder auch gar keinen Sitzplatz haben wollten.
Das Quintett um Stefan Hiss interpretierte den Tanz im klaren 2/4-Takt auf höchst moderne Weise: Mal schmalzig wie ein schlechter Schlager, mal unendlich schnell wie die Musik vom Balkan, mit sarkastischen Texten und viel Selbstironie, dekadent und narzisstisch wie die Ärzte und immer mit einem Schalk im Nacken. Die Lieder forderten zum Tanzen heraus, bei dem überschwänglichen Rhythmus zuckte es unwillkürlich in den Beinen. Und so wippte zumindest das stehende Publikum im Takt, tanzte so gut es ging auf der Stelle und klatschte im Takt, was die Hände hergaben.
Frech mixte Hiss alles, was irgend denkbar ist, zu einer Polka: südamerikanische Leidenschaft, die Klänge kubanischer Steel-Bands, nordamerikanische Country-Musik, den südosteuropäischen Übermut, englischen schwarzen Humor und die deutsche Rührseligkeit. Unterlegte die Tanzmusik mit Texten, die manchmal schwärzer nicht sein konnten und die bei aller Fröhlichkeit oft einen ernsten Hintergrund hatten: "Hebt Euer Glas und trinkt auf die Toten", hieß es fröhlich, denn unter der Erde gebe es keinen Unterschied mehr zwischen Arm und Reich. Sangen ironisch von Herzschmerz und wechselten hier auch mal in den Walzertakt: Reiß mir mein Herz heraus und iss es mit viel Mayonnaise - so interpretierte Hiss das Ende einer Liebe. Schreckte nicht davor zurück, im deutschen Schlager-Schmalz zu versinken, was natürlich bei den sarkastischen Texten letztlich gar nicht möglich war, und interpretierte altes Liedgut wie "Muss i’ denn" vollkommen neu.
Dass die Musiker es nicht nur verstanden, ausgelassene Tanzmusik mit sarkastischen Texten zu spielen, sondern auch leidenschaftliche Instrumentalisten sind, zeigten sie in ihren Solo-Parts. Besonders Mundharmonika-Spieler Michael Roth begeisterte mit expressiven Soli und einem stilprägendem Spiel in den Liedern. Hiss spielte sein Konzert ohne Pause, hielt das Publikum gute zwei Stunden in seinem Bann. Wenn es nach dem Publikum gegangen wäre, hätte das Konzert durchaus noch länger dauern dürfen. Doch das Einschalten des Lichts nach der vierten Zugabe zeigte in aller Deutlichkeit: Jetzt ist Schluss.
Birgit Müller / Weser Kurier
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